Christian Schmidts Abgang: Das Ende amerikanisch-europäischer Gemeinsamkeiten in Bezug auf den Balkan?

Politikwissenschaftler Dr. Sascha Arnautović

Einleitung

Im Vorfeld des Rücktritts am 11. Mai 2026 von CSU-Politiker Christian Schmidt, dem seit August 2021 amtierenden Hohen Repräsentanten (HR) der internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina (BiH), gab es einige bemerkenswerte Vorgänge, die einer näheren Betrachtung bedürfen. Ausgangspunkt war der 12. Mai 2026, wo es zu einer Befassung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (VN) kam angesichts der insgesamt doch sehr fragilen Lage in BiH. Der kleine Balkanstaat gilt gemeinhin als das „schwächste Glied“ auf dem Westbalkan, weil dort zwei Entitäten, nämlich die Föderation Bosnien und Herzegowina (FBiH) und die Republika Srpska (RS), mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und Interessen existieren. Der scheidende HR äußerte in seinem letzten offiziellen Bericht[i] an die VN, der die Periode vom 16. Oktober 2025 bis zum 15. April 2026 umfasst, die berechtigte Sorge, dass Blockadepolitik und Spaltungstendenzen Banja Lukas politisches Handeln maßgeblich leiten würden. Doch damit nicht genug: Die RS-Führung bleibt weiterhin bei ihrer harten Linie und separatistischen Vorgehensweise und stellt die territoriale Unversehrtheit und Souveränität von BiH offen infrage. Dies führt unweigerlich in dem Balkanland zu Stabilitätsverlust und Reformstau. Es braucht aber unbedingt Frieden und Stabilität in Bosnien, um substanzielle Fortschritte im Annäherungsprozess des Westbalkanstaates an die Europäische Union (EU) erzielen zu können. Anderenfalls wird eine positive Entwicklung nicht möglich sein. In diesem Kontext zeichnet der HR auf Abruf ein zutreffendes Bild von dem in Rede stehenden Balkanland, wenn er wie folgt ausführt: „Die Sicherheitslage und politische Entwicklung sind fragil, und die internationalen Institutionen bieten eine gewisse Rückversicherung für die Menschen.“[ii]

Weitere Störfaktoren kommen laut Schmidt noch hinzu, als da wären: die in nationalistischen bosnisch-serbischen Kreisen der RS lange kultivierte Islamfeindlichkeit und der vermeintliche „Kampf der Kulturen“ – im Sinne Samuel P. Huntingtons – in Verbindung mit einem islamischen Fundamentalismus, der als eine Drohkulisse bewusst aufgebaut wird. So erhoffen sich die Ultranationalisten und Sezessionisten in der RS, für ein ausreichendes Maß an Antistimmung sorgen zu können, bis dann die eigenen politischen Ziele endlich durchgesetzt werden können.

Genau das war die politische Mission von Nationalist und Putin-Freund Milorad Dodik als bosnischer Serbenführer und RS-Präsident von 2010 bis 2018 und von 2022 bis 2025. Zuvor ist er auch Ministerpräsident der RS von 1998 bis 2001 und von 2006 bis 2010 gewesen. Und obwohl Christian Schmidt ihn im vergangenen Jahr mithilfe des bosnischen Verfassungsgerichts durch die Durchsetzung einer 1-jährigen Haftstrafe und durch das Verbot der Wahrnehmung eines politischen Amtes für die Dauer von sechs Jahren in seine Schranken weisen konnte, ist Dodik längst noch nicht geschlagen. Die Binsenweisheit lautet: Totgesagte leben bekanntlich länger. Denn bislang fand der Präsident der bosnischen Serbenrepublik immer noch Mittel und Wege, um seinem politischen Schicksal zu entkommen. Ohnehin ist er hinter den Kulissen der von ihm selbst gegründeten Partei „Bund der unabhängigen Sozialdemokraten“ (SNSD) auch weiterhin der mächtigste Strippenzieher. Schmidts größter Verdienst in seinem Amt als HR war wahrscheinlich rückblickend die Abwendung eines durchaus realen Abspaltungsszenarios im Jahr 2025 durch Dodik als letztmöglicher Weg des bosnisch-serbischen Separatistenführers. Selbst ein Krieg wäre dann durchaus möglich gewesen. So konnte Christian Schmidt den Serbenführer zumindest temporär stoppen mit seiner spalterischen und damit destruktiven Politik für Bosnien. Ansonsten war Schmidt durchaus umstritten in seinem Amt, gerade auch in BiH selbst, wo ihm u. a. eine einseitige Parteinahme zugunsten kroatischer Interessen vorgeworfen wurde, insbesondere aber in der Wahrnehmung der RS und des Kremls, die gemeinsame Werte und Ziele teilen und deswegen auch enge Beziehungen pflegen.

 

Leistung und Vermächtnis des deutschen HR

Keine Frage: Christian Schmidt hat es geschafft, die kritische Situation in Bosnien zuletzt durch beherzte Interventionen zu entschärfen. Mit ziemlicher Sicherheit hätte es nämlich sonst eine Eskalation im Sinne der Intensivierung einer Konflikt- und Krisensituation gegeben, was das Worst-Case-Szenario gewesen wäre. In der Praxis hat sich dann aber gezeigt, wie bedeutsam die sogenannten Bonn Powers, sprich die exekutiven, legislativen und judikativen Befugnisse des HR, sind. Sie ermöglichen ihm für gewöhnlich, durchsetzungsstark zu sein. Auf den Fall Milorad Dodik übertragen: Sowohl die am Ende doch noch gelungene Entmachtung des Störfaktors Dodik als auch die wenigstens vorläufige Abwehr der serbischen Sezessionsversuche im Hinblick auf BiH wären ohne die „Bonn Powers“ (= Bonner Befugnisse) undenkbar gewesen. Insofern sind diese mitnichten eine stumpfe Waffe, wie manche Stimmen aus dem nationalistischen Lager steif und fest behaupten.

Vor diesem Hintergrund wäre es natürlich wünschenswert, dass ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin von Christian Schmidt als HR an dessen Vorgehensweise anknüpfen würde, damit auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit steigt, dass BiH eines Tages tatsächlich Mitglied der EU wird. Auch sollte unbedingt verstanden werden, dass eine Verschiebung der Grenzen für Bosnien, aber auch für den Westbalkan insgesamt, mit unkalkulierbaren Risiken verbunden wäre. Würde ein solcher Fall eintreten, so müsste damit gerechnet werden, dass eine unkontrollierte Kettenreaktion damit verbunden sein könnte. Ein solches Risiko will sicherlich niemand tragen wollen. Damit bleibt die Lage in BiH bis auf Weiteres angespannt. Umso wichtiger wäre es in naher Zukunft, sich all dieser Risiken bewusst zu werden, damit Akteure wie die RS, Serbien, Russland oder China und jüngst auch die USA unter Trump II kein leichtes Spiel bei Fragen der Geopolitik auf dem Balkan haben. Es liegt im ureigenen europäischen Interesse, Europas Hinterhof zu schützen und sicherzustellen, dass die noch ausstehenden EU-Beitrittskandidaten des Westbalkans ihren Weg nach Brüssel finden.

Umso wichtiger ist in dieser kritischen Phase, eine würdige Nachfolge für Schmidt als HR zu organisieren, die in diesem Sinne weitermacht und versteht, was die Stunde für den Kontinent Europa geschlagen hat. Weitere strategische Fehler sollten unbedingt vermieden werden. Vor allem aber sollte eine große Entschlossenheit von europäischer Seite sichtbar und spürbar sein, die keinen Zweifel daran lässt, dass man nicht kampflos die Westbalkanregion einfach ihrem Schicksal überlässt. Es geht um viel, es geht um sehr viel – kurz gesagt: um Europas Zukunft.

 

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Zu den Rücktrittsgründen Schmidts und die Rolle Trumps und Dodiks

Der schleichende Abgang des HR Christian Schmidt ist ein durchaus bemerkenswerter Vorgang und wirft Fragen auf, als da sind:

1.) Wie konnte es dazu kommen – und warum gerade jetzt?

2.) Ist es ein Zufall oder doch eher eine logische Folge der bisherigen Entwicklung?

3.) Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang US-Präsident Donald J. Trump und der von Schmidt indirekt entmachtete bosnische Serbenführer Milorad Dodik?

Im folgenden Abschnitt wird es darum gehen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Auch wird der Versuch unternommen, besser nachvollziehen zu können, was die entscheidenden Punkte waren für Christian Schmidts Rückzug vom Amt des HR. War es wirklich seine eigene Entscheidung, wie er selbst betont, oder steckt vielleicht doch mehr dahinter? Inwiefern spielt womöglich die diesjährige (Wieder-)Annäherung zwischen Trump und Dodik eine Rolle für Schmidts Abgang oder stand er politisch mächtigen Akteuren wie Trump und Dodik einfach nur im Weg, weil er zuletzt womöglich zu unbequem geworden ist?

Es hat den Anschein, als sei Christian Schmidt inzwischen mürbe geworden von den immer wiederkehrenden reflexartigen politischen Blockaden und von den Sezessionsbestrebungen der RS.[iii] Ferner hat Milorad Dodik ein Problem mit der EU-Integration von BiH, die von Brüssel mittlerweile substanziell gefördert wird. Dementsprechend besteht kein Interesse daran, sich auf angebliche Fortschrittsangebote einzulassen, um dann die EU-Konvergenzkriterien erfüllen zu können. Folglich fehlt aufseiten Banja Lukas der politische Wille, konstruktiv in der Sache zu sein. Stattdessen wird auf Konfrontation, bewusste Verzögerung oder auf Blockade gesetzt, um auch weiterhin die bisherige Zermürbungstaktik anzuwenden. Dies führt zwangsläufig zu Frustrationen in der FBiH und natürlich auch beim Office of the High Representative (OHR) und damit auch beim HR selbst. Trotz seiner politischen Niederlage von 2025 gibt Dodik nicht auf, sondern schreitet weiter voran hinsichtlich gezielter Störmaßnahmen. Offenbar kommt ihm noch der Umstand zugute, dass er schon vor Jahren vorgesorgt hat, was seine externe politische Reichweite anbelangt, indem er bewusst klassische Lobbyarbeit in den USA betrieben hat, die sich nun anscheinend für ihn auszuzahlen scheint.

Ein weiterer für ihn vorteilhafter Punkt kommt noch hinzu: US-Präsident Trump, der in seiner zweiten Amtszeit (2025-2029) noch radikaler auf das „America first“-Prinzip setzt und darüber hinaus der Idee der „Macht des Stärkeren“ folgt, liebäugelt mit einem Gaspipeline-Projekt in Bosnien mit hohem Geschäftspotenzial für den Trump-Clan,[iv] der sich – bekanntermaßen – nach Möglichkeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit bereichern möchte. Christian Schmidt sah dieses US-Vorhaben kritisch – mit einer Retourkutsche wurde dann darauf reagiert: Die US-amerikanische Seite hat sich dafür entschieden, den bisherigen Kurs in ihrer Bosnienpolitik zu ändern, die Seiten zugunsten Dodiks zu wechseln, der wiederum die Zusicherung bekommen haben soll, dass sein Erzfeind Schmidt, der ihm das Leben zunehmend schwer gemacht hat, bald Geschichte sein wird. Der bosnisch-serbische Separatistenführer ist also der lachende Dritte in diesem politischen Machtspiel zwischen Donald Trump und Christian Schmidt. Letzterer ist im Weißen Haus in Ungnade gefallen, was ihm sogar die Androhung der Aufnahme auf die US-Sanktionsliste eingebracht haben soll, so er nicht freiwillig seinen Rücktritt erklärt.[v] Das klingt durchaus plausibel, da Schmidt ganz genau weiß, dass er ohne US-amerikanische Unterstützung nicht mehr allzu lange sein Amt wird ausüben können, zumal er in seiner Funktion durchaus auf internationale Zusammenarbeit angewiesen ist und somit nicht wie ein Alleinherrscher agieren kann. Hier gerät er als Amtsträger unweigerlich an seine Grenzen.

Das gefährliche doppelte Spiel von Trump, einerseits sich noch bis vor Kurzem für politische Stabilität in BiH gemeinsam mit der EU und letztlich auch mit den VN in Gestalt von Christian Schmidt stark zu machen, andererseits aber eine dem zuwiderlaufende transaktionale US-Großmachtpolitik zu betreiben und sich dann auch noch persönlich – je nach Lust und Laune – zu bereichern, wo immer dies möglich ist, ist inzwischen nicht mehr hinnehmbar und bringt Brüssel zudem in arge Bedrängnis in Bezug auf BiH als Europas Achillesferse und Einfallstor für ein kaum bemerktes Vordringen von externen Akteuren.[vi] Das ist ein klarer Beleg für die geopolitische und sicherheitspolitische Relevanz des kleinen Balkanstaates. Insofern kann es auch nicht egal sein, wer dort gerade sein Unwesen treibt, weil jede noch so kleine Veränderung erhebliche destabilisierende Auswirkungen auf das Land und die Region haben könnte. Es braucht daher ein strategisches Gleichgewicht für BiH und den Westbalkan. Dies sollte nun endgültig verstanden werden.

Angesichts dessen stellt der ewige Provokateur und Störenfried Dodik auch in Zukunft eine sehr große Herausforderung für den zerbrechlichen Frieden in Bosnien dar – und das trotz der Tatsache, dass er aktuell nicht in der ersten Reihe der Politik in der RS steht, sondern vorübergehend – situationsbedingt – die Rolle des Zaungastes eingenommen hat, der aber jederzeit bereit ist, seinen politischen Einfluss geltend zu machen, sollte es erforderlich sein.[vii] Die ihm von außen aufoktroyierte Rolle nimmt er jedoch billigend in Kauf, da ihm das Schicksal eine zweite Chance gegeben hat, sprich durch die neue Allianz mit US-Präsident Trump, seinen lang gehegten Traum von der Zerschlagung Bosniens doch noch realisieren zu können. Schließlich hat Wladimir Putin bisher nicht dafür gesorgt, Fakten in dieser Hinsicht zu schaffen, und das trotz Milorad Dodiks Loyalität gegenüber dem Kreml. Dodik versteht offenkundig das Spiel, sich klug zu positionieren und sich jederzeit den Gegebenheiten anzupassen. Das erklärt auch seine Durchhalte- und Überlebensfähigkeit sowie seinen politischen Erfolg bis heute. Sollte der bosnisch-serbische Separatistenführer die Abspaltung der RS vom Gesamtstaat BiH zu gegebener Zeit durchsetzen können, wäre ein militärischer Konflikt auf dem Balkan nicht mehr auszuschließen. Für die EU käme ein solcher zu einer denkbar unpassenden Zeit, weil in der jetzigen Phase bereits vielfältige Absicherungsmaßnahmen hinsichtlich der NATO-Ostflanke laufen mit dem entsprechenden Aufgebot an Soldaten und Brüssel mit Hochdruck daran arbeitet, sich sicherheits- und verteidigungspolitisch stärker unabhängig von den USA unter Trump zu machen.

 

Zur Nachfolge Schmidts, worauf es ankommt und wie der Balanceakt gelingen kann

Entscheidend für eine personell sinnvolle Lösung für die Nachfolge von Christian Schmidt ist, dass der neue HR in der Lage sein sollte, Nationalisten wie Dodik und seinesgleichen in ihre Schranken zu weisen. Dafür braucht es eine Person, die durchsetzungsstark, konsequent, entschlossen, verlässlich, flexibel und vorausschauend ist. In dieser Hinsicht sollten keine falschen Kompromisse gemacht werden, zumal es um die Reputation der VN geht, die ohnehin nicht gerade das Musterbeispiel einer rundum gelungenen und wirkmächtigen internationalen Organisation darstellen. Hier ist sicherlich noch viel Luft nach oben.

Auch wenn die entstandenen Umstände durch den Rückzug Schmidts nicht gerade einfacher geworden sind, scheint ein Festhalten am OHR sinnvoll zu sein, wofür es zwei wesentliche Gründe gibt, die da wären: Der HR bleibt bis auf Weiteres alternativlos für die VN, aber auch für die EU, da er eine wichtige Rolle für die künftige Entwicklung von BiH einnimmt. Gleichzeitig muss klar sein, dass es nun entscheidend darauf ankommen wird, dass intern bei der Suche nach der Christian Schmidt im Amt nachfolgenden Person möglichst das gleiche Ziel verfolgt wird, sodass ein Signal der Geschlossenheit, Einheit und Stärke davon ausgeht. Weniger relevant erscheint hingegen die Herkunft des nächsten HR. Was die konkrete Arbeit betrifft, wäre es wünschenswert, dass der künftige HR die bereits an anderer Stelle erwähnten „Bonn Powers“ noch stärker zur Anwendung bringt als sein Vorgänger Christian Schmidt, der noch bis zum Amtswechsel vor Ort in Sarajevo zur Verfügung steht, damit ein geordneter Übergang erfolgen kann.

Sicherlich wäre das ganz im Sinne der Bevölkerung von BiH und könnte zur stärkeren Unterstützung dieser für die neue Amtsperson führen. Auf psychologischer Ebene gewiss ein nicht zu unterschätzender Faktor, da dadurch das Vertrauen der bosnisch-herzegowinischen Bevölkerung in die Politik wieder gestärkt werden würde, beispielsweise durch die konsequente Durchführung von Amtsenthebungen – sprich: die unehrenhafte Entlassung aus Ämtern – durch den HR, sodass dann radikale Nationalisten sowie sich bereichernde und korrupte Politiker jederzeit ihrer gerechten Strafe zugeführt werden können. Am Ende muss es sowohl den VN als auch der EU gelingen, ein Umfeld in Bosnien zu schaffen, in dem jeder seinen Platz findet und sein Potenzial entfalten kann, sich gesehen und gehört fühlt. Nur so können die langen Schatten der Vergangenheit des Balkanstaates erfolgreich verdrängt werden. Es braucht im Übrigen auch endlich eine konsistente Versöhnungspolitik im Balkanland zwischen den verschiedenen Volksgruppen bzw. Ethnien, damit etwas Neues in BiH entstehen kann: echter Frieden. Und ein solcher ist essenziell und wird dringend gebraucht – auch vonseiten des HR und seinen Bemühungen, einen funktionierenden bosnisch-herzegowinischen Staat zu formen oder wenigstens in seinem Aufbau bestmöglich zu unterstützen. Damit diese Prozesse angestoßen werden können, ist es wichtig, dass ein fließender Übergang zwischen Schmidt und seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin geschaffen wird. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Unterfangen gelingt. Bosnien-Herzegowina und seinen Menschen wäre es jedenfalls zu wünschen.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Christan Schmidt ist bereit, seinen Stuhl in Sarajevo zu räumen nach fast fünf Jahren Amtszeit als Bosnien-Beauftragter der VN, dessen Auftrag es ist, die Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton (1995) zu überwachen und die Dinge im kleinen Balkanstaat voranzubringen. In diesem Kontext stellt sich unweigerlich die Frage, wer dafür die letztendliche Verantwortung trägt: der HR, die USA oder die EU? Es ist schwierig, eine eindeutige Antwort darauf zu geben. Wahrscheinlich tragen alle Beteiligten gemeinsam Verantwortung für das Ergebnis.

Schmidt selbst ist der Meinung, dass er unter dem Strich durchaus viel erreicht hat. Gleichwohl räumt er ein, „dass nach wie vor eine Reihe von Aufgaben noch nicht erfüllt sind“.[viii] Sein Amt – konkret: das OHR – spricht in diesem Zusammenhang offiziell von „personal decision“[ix] des deutschen Bosnien-Beauftragten der internationalen Gemeinschaft. Mehr erfährt die Öffentlichkeit nicht, was natürlich Raum für Spekulationen lässt.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Schmidt nicht ganz freiwillig seinen Stuhl geräumt hat, sondern sich nach entsprechendem Druck Washingtons dazu durchgerungen haben soll, seinen Rücktritt zu erklären.[x] Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend Licht ins Dunkel gebracht werden kann, ist nicht zu bestreiten, dass die Trump-II-Administration in jüngster Zeit zu erkennen gibt, dass sie den durch Christian Schmidt in aller Öffentlichkeit bloßgestellten bosnisch-serbischen Politiker Milorad Dodik, der mittlerweile nur noch am Spielfeldrand steht und nicht mehr länger Mandatsträger ist, bewusst und zielgerichtet unterstützt. Dies zeigt sich deutlich in der Aufhebung der von der Biden-Regierung seinerzeit verhängten Sanktion gegen Dodik und sein Umfeld. Es gibt also durchaus Gründe dafür, dass Schmidt von der Trump-Regierung nun für seine vermeintlich verwerflichen Taten bestraft wird. Aber damit nicht genug: Es ist auch vorstellbar, dass geschäftliche Interessen aus Trumps Dunstkreis hinsichtlich eines Gaspipeline-Projekts eine Rolle für den Kurswechsel des 47. Präsidenten der USA gespielt haben könnten, was der Logik seiner „America first“-Politik entsprechen würde. Gerade vor diesem Hintergrund darf man umso mehr gespannt sein, ob Donald Trump die Politik und Öffentlichkeit zu gegebener Zeit wieder einmal überrascht, indem er sich bei den Bemühungen um die Nachfolge Christian Schmidts proaktiv einmischt und damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: einerseits Milorad Dodik, andererseits Wladimir Putin ein großzügiges Geschenk macht. Schließlich erhalten kleine Geschenke bekanntermaßen die (Männer-)Freundschaft zwischen Despoten.

Dieses Szenario sollte dann eigentlich die EU auf den Plan rufen, sodass gemeinsam mit den VN eine Gegenstrategie auf den Weg gebracht wird, die darauf abzielt, eine solche kontraproduktive Entwicklung im verwundbaren Hinterhof Europas unter allen Umständen zu verhindern. Wir sollten uns bewusst sein, dass – so schmerzhaft das Ganze für eingefleischte Transatlantiker auch immer sein mag – das Ende europäisch-amerikanischer Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Balkans naht. Darauf muss es dringend Antworten aus Brüssel und aus den anderen europäischen Hauptstädten geben, ein Zögern und Zaudern wie noch in den 1990er-Jahren im Zuge des Krieges in Bosnien-Herzegowina kann sich „EU-Europa“ nicht mehr leisten. Die Lage für das Land ist ernst, sogar sehr ernst!

Was bleibt zu tun? – Dieser Frage sollten sich die politisch Verantwortlichen in der EU in diesen Tagen mit aller Ernsthaftigkeit widmen. Denn das Taktieren der USA unter Präsident Trump in dessen zweiter Amtszeit ist unsäglich, aber nicht zu ändern. Was aber sehr wohl geändert werden kann, ist die Politik gegenüber BiH in Deutschland und Europa. Gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten und zu reflektieren, was schiefgelaufen ist und was verbessert werden muss, damit böse Überraschungen ausbleiben. Dafür müssen wir einen Schritt zurückgehen: Angesetzt werden sollte an dem Punkt, an dem wir uns nochmals in Erinnerung rufen, dass einst der Gedanke der war, dass sich die USA nach ihrem politischen und militärischen Engagement auf dem Balkan in den Neunzigerjahren sukzessive zurückgezogen haben, um dann den Platz für die EU freizumachen. Dieses Bemühen ist jedoch bis heute allenfalls nur in Ansätzen erkennbar. Von daher wäre es an der Zeit, den Rücktritt Schmidts nicht einfach nur als einen „normalen Personalwechsel“ zu betrachten, sondern vielmehr als Warnsignal für den wirklichen Zustand Bosnien-Herzegowinas, der Brüssel und Berlin dahin gehend aufhorchen lassen sollte, dass das reine Verwalten von bereits Bestehendem nicht mehr länger anzeigt ist. Uns sollte allen klar sein, dass Europas Einfluss auf dem Balkan in der Zwischenzeit nicht wesentlich gewachsen ist. Überdies sollte endgültig begriffen werden, dass der Rücktritt des HR kein Zufall gewesen ist, sondern sich dahinter die bittere Wahrheit verbirgt, dass dieser ein weiterer Prüfstein für den europäischen Einfluss und für die Festigkeit der Balkanregion ist.

Mit anderen Worten: Es ist Zeit, aufzuwachen, damit wir in EU-Europa endlich ins Handeln kommen und nicht nur Zaungast bleiben. Es gilt, in stürmischen Zeiten zu entscheiden, ob wir weiterhin um jeden Preis den USA folgen wollen oder uns stärker darauf konzentrieren möchten, unseren eigenen Weg zu finden. Gleichzeitig sind wir angehalten, im „Konzert der Mächte“ mitzuspielen, damit wir auf diese Weise sicherstellen, dass unser Kontinent auch künftig eine Rolle in der internationalen Politik spielt. Zögern und Zaudern wie früher ist nicht mehr länger angesagt. Wir sollten uns entscheiden, wohin die Reise geht. Der Fall Christian Schmidt hat einmal mehr gezeigt, dass wir zwingend selbstbewusster werden müssen, um Donald Trump und seinesgleichen die Stirn zu bieten. Um mit Thomas Schmids Worten zu sprechen: „Europa ist tot, es lebe Europa!“ (2016). Eine „Weltmacht“, als die der besagte Publizist Europa versteht, muss sich tatsächlich neu erfinden – jetzt umso mehr.

[i] 69th Report of the High Representative for Implementation of the Peace Agreement on Bosnia and Herzegovina to the Secretary-General of the UN, 12.05.2026, OHR – Office of the High Representative, online abrufbar unter: https://www.ohr.int/69th-report-of-the-high-representative-for-implementation-of-the-peace-agreement-on-bosnia-and-herzegovina-to-the-secretary-general-of-the-un/ (letzter Zugriff: 23.05.2026).
[ii] „Gehe schweren Herzens“: Scheidender UN-Repräsentant für Bosnien warnt vor fragiler Sicherheitslage, Tagesspiegel-Online-Beitrag vom 15.05.2026, online abrufbar unter: https://www.tagesspiegel.de/internationales/gehe-schweren-herzens-scheidender-un-reprasentant-fur-bosnien-warnt-vor-fragiler-sicherheitslage-15599600.html (letzter Zugriff: 23.05.2026).
[iii] Vgl. hierzu und im Folgenden Rhotert, Alexander. 2026. „Der Hohe Repräsentant resigniert: Christian Schmidts Rückzug und die Folgen.“ Berliner Zeitung (Open-Source-Beitrag), 18. Mai 2026, online abrufbar unter: https://www.berliner-zeitung.de/article/der-hohe-repraesentant-resigniert-christian-schmidts-rueckzug-und-die-folgen-10036581 (letzter Zugriff: 23.05.2026).
[iv] Vgl. dazu und im Folgenden Martens, Michael. 2026. „Pipeline-Deal in Bosnien: Die Angst vor dem Trump-Clan.“ Frankfurter Allgemeine, 10. Mai 2026, online abrufbar unter: https://www.faz.net/aktuell/politik/wie-trumpisten-in-bosnien-eine-pipeline-bauen-wollen-200786548.html (letzter Zugriff: 23.05.2026).
[v] Vgl. dazu Bosnien-Beauftragter Schmidt kündigt Rücktritt an, Frankfurter Allgemeine/dpa, Online-Beitrag vom 11.05.2026, online abrufbar unter: https://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/bosnien-beauftragter-schmidt-kuendigt-ruecktritt-an-200820157.html (letzter Zugriff: 23.05.2026).
[vi] Siehe hierzu im Detail: Arnautović, Sascha. 2026. „Bosnien und Herzegowina – Europas verwundbarer Hinterhof angesichts des geräuschlosen Vordringens externer Akteure.“ AIES Comment Nr. 2026/4, 28. April 2026, online abrufbar unter: https://www.aies.at/download/2026/AIES_Comment_2026-04.pdf (letzter Zugriff: 24.05.2026).
[vii] Vgl. dazu und im Folgenden Rhotert, a. a. O.
[viii] Vgl. hierzu Beham, Sarah. 2026. „Bosnien und Herzegowina: UN-Repräsentant Schmidt geht – auf Druck der USA?“ tagesschau.de, 11. Mai 2026, online abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/bosnien-beauftragter-schmidt-ruecktritt-100.html (letzter Zugriff: 25.05.2026).
[ix] Siehe dazu unter: https://www.ohr.int/christian-schmidt-concludes-his-mandate-as-high-representative-for-bosnia-and-herzegovina/, Christian Schmidt concludes his mandate as High Representative for Bosnia and Herzegovina, 11.05.2026, OHR – Office of the High Representative, online abrufbar unter: https://www.ohr.int/christian-schmidt-concludes-his-mandate-as-high-representative-for-bosnia-and-herzegovina/ (letzter Zugriff: 25.05.2026).
[x] Vgl. hierzu und im Folgenden die Internetquellen in den Fußnoten „v“ und „viii“.

 

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